There and Back Again

15. Dez 2011 3 Kommentare

Zugegeben, mein Exil bei Tumblr, es hat nicht sehr lange gedauert. Nun bin ich wieder hier. Dabei hat mich Tumblr nicht enttäuscht. Tumblr macht Spaß und funktioniert. Doch die, schon zum Zeitpunkt des ersten Wechsels im Hinterkopf pochende Einsicht, gewann schließlich doch noch Oberhand. Meine Daten, mein Kram, er soll doch bitte bei mir bleiben. In meiner, zuweilen gefährlich zerstörerischen Hand. Und da ich die ganze Familie mit nach Tumblr nahm und sich auch dort Zweifel für die langfristige CMS-Bindung mehrten war klar: Wir müssen wieder zurück.

Nicht jedoch, ohne vorher den Hoster zu wechseln. Durch die Empfehlung von ben_ bin ich nun bei der Domainfactory und freue mich über etwas höhere Bloggeschwindigkeiten und besseres Backup-Potential im Vergleich zu vorher. Soweit also alles gut. Drüben, bei limitofcontrol, steht die Umstellung kurz bevor, da muss nochmal drüber gefegt werden. Ausserdem habe ich dort ein wenig Zeit gebraucht um alle Artikel und vor allem die Kommentare wieder in einer neuen WordPress-Installation zu sammeln. Dieses ausgelagerte Disqus-Kommentarsystem brauchen wir jetzt glücklicherweise nicht mehr. Wobei man fairerweise sagen muss, ohne Disqus hätte ich jetzt vermutlich die Kommentare nicht mehr retten können, wenn Tumblr denn ein Kommentarsystem hätte.

Hier auf der Stromzufuhr lasse ich es in Sachen Re-Import etwas entspannter angehen. Bei der Stromzufuhr gehörte es immer schon zum guten Ton, ein paar Posts links liegen zu lassen. Ein, zwei Posts habe ich mitgenommen, der Rest bleibt drüben bei Tumblr. Vieles davon ist Content-Fastfood. Das ist ja das tolle an Tumblr: Bilder, Videos und sonstiger Kram wird mit einem Klick ge-rebloggt. Das funktioniert gut, wenn des Ziel besipelsweise lautet, schicke Bilder zu einem bestimmten Thema zu sammeln. Da gibt es tolle Tumblr-Seiten zu entdecken. Wenn man aber in erster Linie eigene Dinge verbloggen möchte, muss man, bzw. in erster Linie ich, sich einer gewissen Verlockung zum Content-Fastfood erwehren. Tumblr kann ich da keine Schuld in die Schuhe schieben. Die schnellen Reblog-Funktionen muss man ja nicht benutzen. Dennoch interessant, wie unterschiedliche CMS-Systeme zu unterschiedlicher Nutzung verleiten können.

Neuer Hoster, alte Domain und das Theme ist auch weitestgehend das Alte geblieben, ein wenig im Detail verändert und geschliffen wurde hier und da. Nachdem ich vor geraumer Zeit von Georgia zu Verdana, Arial und co wechselte, führt der Weg nun auch hier wieder zurück. Zurück zu Georgia, das fühlt sich gerade sehr passend an. Die Font-Größe ist möglicherweise noch etwas zu üppig, aber ich mag Schrift generell einen Tick größer. Die Großformat-Bilder habe ich hingegen etwas verkleinert, sie passen so besser in mehr Bildschirme und erschlagen nicht beim durchscrollen.

Es kann also jetzt weiter gehen und ich hoffe dann irgendwann auch mal so etwas wie einen Schreib-Rhythmus zu finden. Da nützen auch Umzüge und Plattform-wechsel-dich-Spiele nichts. Am Ende geht es schließlich immer um denken und schreiben. Egal, wo man es tut.

Erlebnisrationalität

24. Nov 2011 Kommentar hinterlassen

Letztens, als ich über den Roman “Schimmernder Dunst über Coby County” schrieb, verknüpfte ich die literarische Utopie mit dem soziologischen Konzept der Individualisierung. Bei näherer Beschäftigung mit diesem Begriff bin ich nun auf einen weiteren gestoßen: Den der sogenannten Erlebnisgesellschaft. Ein Konstrukt, das in erster Linie von Gerhard Schulze geprägt wurde.

Die Erlebnisgesellschaft geht Hand in Hand mit der beschriebenen Individualisierung und dem damit verbundenen Druck, zu wählen und sich entscheiden zu müssen. Die Handlungsspielräume wurden in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg entschieden vergrößert. Dieses Phänomen nennt Schulze “Entgrenzung”. Wir können aus einen immer größer werdenden Katalog immer mehr Optionen auswählen, die in immer diversifizierteren Konfigurationen kombiniert werden können. Je nach Milieu und Sozialisation sind diese Konfigurationen unterschiedlich. Die akademische Juristin mit Hund hat eine andere als der männliche Hotelfachangestellte mit Balkon. Doch der Modus ist Milieu-übergreifend der gleiche, er wird auch als Erlebnisrationalität bezeichnet. Die Ziele und die Richtung des eigenen Lebens ist nun Sache des Subjekts, sie sind nicht weiter extern vorgegebene Normen, die das Individuum auf ein vorgefertigtes Gleis setzen. Dabei wird zwischen Außen- und Innenorientierung unterschieden. Schulze liefert dazu folgendes Beispiel:

“Ob das Auto fährt (außenverankertes Ziel), können alle beurteilen; ob man dabei ein schönes Fahrgefühl hat (innenverankertes Ziel), muß jeder für sich entscheiden.”

Auch für die Erlebnisrationalität ist die Wohlstandsgesellschaft also eine Voraussetzung. Erst wenn es wirtschaftlicher Standard ist, ein Auto zu besitzen, erst wenn eine gewisse Diversifikation auf dem Automobil-Markt aufgetreten ist, kann ich eine erlebnisrationale Konsum- und Fahrentscheidung treffen.
In Coby County ist man schon wieder einen Schritt weiter. Die außenverankerten Impulse und Ziele sind hier nur noch sehr schwach. Alles unterliegt den übermächtigen innenverankerten Impulsen. Das ganze Leben ist ein Supermarkt aus dem man sich die passenden Gratifikationen heraussuchen kann um seine Biographie den eigenen Wünschen und Vorstellungen entsprechend anzupassen. Interessanterweise sind die Innenwelten dabei äußerst unspektakulär geworden. Als wären sie durch einen Kompressor geschickt worden. Keine Extreme, keine Spitzen, keine Ausschläge. Jegliche Impulse von außen werden so aufgefangen, egal ob positive oder negative. Sie können nicht einschlagen.

Ich denke, dass es darum geht keine Angst haben zu müssen. Angst, bzw. die Angst vor der Angst ist möglicherweise die größte Herausforderung einer Wohlstandsgesellschaft. Wenn wir von einer subjektiven Erlebnisrationalität ausgehen, so ist sie in Coby County darauf eingenordet, möglichst keiner ernsthaften Gefahr ausgesetzt zu sein, keine Angst haben zu müssen, immer im sicheren Bereich zu sein. Sie zahlen dafür einen hohen Preis und nehmen einen glattgebügelten Erlebnishaushalt ohne echte Erfahrungen in Kauf. Ich denke es lohnt sich, keine Angst vor der Angst zu haben. Kann man das lernen?

Schimmernder Dunst Über Coby County

10. Nov 2011 3 Kommentare

Als ich das Buch las war ich zunächst etwas enttäuscht. Die nahende Katastrophe wird ständig angedeutet, doch sie will einfach nicht passieren. Eine Dystopie, die nicht kippt.

Aber erst mal ganz von vorne: In Coby County leben ausschließlich reiche, gesunde und äußerst reflektierte, junge oder jung gebliebene Menschen. Alle haben hippe Agentur-Jobs und arbeiten im Grunde nur zum Zeitvertreib. Denn wohlhabend genug sind die Bewohner von Coby County auch ohne Erwerbsarbeit allemal. Ein Leben wie im Paradies auch für den Protagonisten Wim, erfolgreicher Halbtags-Literatur-Agent. Während des Romans gibt es nun allerdings ständig Andeutungen, dass die Idylle trügerisch sein könnte. Die Bürgermeisterwahl verläuft überraschend, Unfälle passieren, eine Untergrund-Bewegung beginnt sich zu bilden und ein schwerer Sturm droht Coby County in schimmernden Dunst zu verwandeln. Nur: Die Katastrophen bleiben aus. Die Unfallopfer können gerettet werden, der Sturm zieht vorbei und die Untergrund-Bewegung beschränkt sich auf Feierei abseits des Mainstreams. Im Grunde ist sie lediglich Ausdruck einer weiteren Avantgarde.

Soweit zu Handlung, die mich das Buch etwas enttäuscht weglegen ließ. Dennoch lohnte sich die Lektüre. Randt ist in diesem Roman nämlich ein erschreckendes Portrait einer Gesellschaft, vielleicht auch einer zukünftigen Generation gelungen. Die Bewohner von Coby County bestechen vor Allem durch zwei Eigenschaften: Reflektionsvermögen und Ironie. Wenn Win weinen muss, gilt sein erster Gedanke dem ästhetischen Wirkungsgrad seiner Tränen. Die auslösende Emotion ist ihm rational klar, sie verliert damit aber jede Kraft, vielleicht weil es Wim trotzdem noch viel zu gut geht, aus lauter Mensch gewordener Genügsamkeit. Denn in Coby County lebt jede Frau und jeder Mann gesund, wohlhabend und aufgeklärt. Selbst die sexuelle Dramaturgie einer Beziehung unterliegt der Impulsarmut von Reflektion und Ironie und wird auf diese Weise geskriptet. Der Verzicht auf Rausch, Impuls, Emotion, Schmerz und Euphorie ist möglicherweise ein Merkmal jeder modernen Wohlstandsgesellschaft. Es ist auf jeden Fall eines von Coby County, eine Welt in der es immer schimmert aber niemals strahlt.

Nach dem ersten enttäuschten Weglegen blieb jedoch die treffsichere Beschreibung der Gedankengänge und charakterlichen Seichtheit, die durch die Unaufgeregtheit der Handlung noch unterstrichen wird, hängen. Und so wirkte das Buch noch ein wenig nach, es stimmte mich nachdenklich und ließ mich mit fzerozero diskutieren. Und das sind ja immer gute Dinge. Zudem stolperte ich diese Woche wieder über einen Anknüpfungspunkt, nämlich den soziologischen Begriff der Individualisierung. Vor langer Zeit in der Schule zuletzt gehört, verlor ich ihn ein wenig aus den Augen. Ulrich Beck fasst dieses Konzept durch einen sehr kurzen, griffigen Satz zusammen:

“Normalbiographie verwandelt sich in Wahlbiographie”

Es geht um die Auflösung und Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensmodelle und ihrer Institutionen. Durch die Ehe, die Familie, die soziale Klasse und die Erwerbsarbeit beispielsweise, war der Platz eines Individuums in einer Gesellschaft relativ fest verortet. Diese Strukturen weichen im Rahmen der Individualisierung auf. Beck nennt dafür zwei Voraussetzungen: allgemeiner hoher materieller Wohlstand und ein hohes Bildungsniveau. Erst durch die Erreichung dieser Standards werden die industriegesellschaftlichen Lebensmodelle, wenn es eben nicht mehr um das nackte Überleben geht, zunehmend obsolet.

Nun lösen sich die alten Institutionen und Strukturen nicht einfach nur auf, vielmehr werden sie ersetzt. Nur weiß noch niemand genau womit. Nur eines ist klar: Der Einzelne, das Individuum hat mehr Wahlmöglichkeiten als je zuvor, seine eigene Biographie zu gestalten, ja zu konstruieren. Norbert Elias verweist aber völlig richtig darauf, dass er nicht mehr nur mehr Wahlmöglichkeiten hat, sondern eben auch mehr Entscheidungszwang. Die Gesellschaft wird also pluralistischer, der Druck auf das Individuum steigt. Das sich eine Gesellschaft dabei komplett entsolidarisiert und stattdessen das Prinzip Ellenbogen regiert, ist denke ich zu fatalistisch gedacht. Aber eine Tendenz in diese Richtung ist möglicherweise zu erkennen.

In Coby County ist dieser Prozess der Individualisierung schon abgeschlossen. Der Ellenbogen ist dort nicht das Problem. Das Wohlstandsniveau ist so hoch, ein Ellenbogen wäre peinlich. Stattdessen haben sich aber andere soziale Normen herausgebildet, die zu Sicherheit und Stabilität führen, indem sie emotionale Extreme dem Diktat der Rationalität, der Nachhaltigkeit und der Ästhetik unterordnet. Und nun kommt die steile These: Möglicherweise entdecken wir bei den Grünen die zukünftige politische Blaupause für ein echtes Coby County.

Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit

07. Nov 2011 Kommentar hinterlassen

Die Stromzufuhr wird sich in einigen Tagen selbst zerstören. Da mir WordPress zunehmend Probleme macht und ich keine Lust mehr auf die Administriererei habe, mache ich hier die Schotten dicht. Für alle die noch dran bleiben wollen, sei auf mein Tumblr-Dings verwiesen: sofapanic.tumblr.com
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Advertising

03. Okt 2011 Ein Kommentar

“The thing I hate the most about advertising is that it attracts all the bright, creative and ambitious young people, leaving us mainly with the slow and self-obsessed to become our artists. Modern art is a disaster area. Never in the field of human history has so much been used by so many to say so little.”

- Banksy

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