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The Catcher in the Rye

So oft hört man von Prominenten, Film-Stars und sonstigem Bewundernswertem, dass ihr wahres, oder literarisches, oder künstlerisches Leben erst losging, als sie The Catcher in the Rye von J. D. Salinger lasen. So ein Aufweck-Buch eben. Eine aufrüttelnde Kraft, die gerne auch good old Siddharta von Hesse nachgesagt wird. “Das Buch hat mein Leben verändert!”

Auf mich hatte der Klassiker aus dem Jahre 1945 keine derartige Wirkung. Ich fand es stellenweise amüsant, stellenweise anstrengend. Wie Protagonist und Antiheld Holden Caulfield, gerade aus der x-ten Schule geflogen, getränkt in teenage-angst und sexueller Konfusion, die “phoniness” der New Yorker Nachkriegsgesellschaft beschreibt. Um sich vom Rest der Welt abzugrenzen setzt er sich komische Hüte falsch herum auf. Holden Caulfield, the original hipster, isoliert sich in seiner Nichtkonformität, findet alles andere zum kotzen. Amüsant und anstrengend eben, wenn er sich von der Gesellschaft distanziert, sich für etwas Besseres hält und doch den Dingen in ihrer Komplexität nicht gerecht wird und leider nicht wirklich cool, sonder hochemotional ist und in Wirklichkeit nur durch seinen schlacksigen Körperbau drübersteht.

“Don’t ever tell anybody anything. If you do, you start missing everybody.”

Ja so kann das sein als Pubertierender, ein Charakter mit Identifikationspotential, keine Frage. Aus heutiger Sicht erscheint die Geschichte dann allerdings doch etwas antiquiert. Die für das prüde Nachkriegsamerika skandalöse Verwendung von Schimpfwörtern und sexuellen Anspielungen wirken nach Hegemann und co doch etwas aufgesetzt, dennoch ist The Catcher in the Rye nach wie vor an vielen amerikanischen Schulen verboten. Und die Bildungsroman-Lernkurve kommt auch etwas spät und unvermittelt. Entweder es geht unglaublich schnell, oder man liest es als hoffnungsloses Ende. Teenager-Style eben.

Pamela: Or, Virtue rewarded

Pamela, Samuel RichardsonWeiter geht der Streifzug durch britische Literatur des 18. Jahrhunderts. Das Jahrhundert, in dem sich die Mittelschicht manifestierte, der Buchmarkt und überhaupt die Aufklärung. Die Aufklärung! Pamela: Or, Virtue rewarded ist eine sogenannte “epistolary novel”, ein Haufen Briefe, der hin- und hergeschrieben wird. Hat stilistisch etwas von einem Tagebuch, tatsächlich erinnert es daran, ein Blog durchzulesen. Womit wir den Bogen in 21. Jahrhundert geschlagen hätten.

Pamela ist eine Hausangestellte, (hier bitte unverwechselbaren Altkanzler Schmidt – Duktus dazu denken) aus armen aber anständigem Hause und sehr, sehr schön. Ihre Schönheit wird nur noch durch ihre Tugendhaftigkeit übertroffen, der Begriff “virtue” taucht nicht ohne Grund bereits im Titel auf. Pamela ist dermaßen voller Tugend und Schönheit, dass sich sogleich jedermann in sie verliebt. Das ist natürlich etwas anstrengend für unsere Hauptdarstellerin, ist die Bewahrung ihrer Tugend doch gleichbedeutend mit dem Verzicht auf jegliche unangemessene Reaktion auf das andere Geschlecht, die unter Umständen für ein Werben, eine shakern, oder auch einen harmlosen Flirt gehalten werden könnte. Ein körperliches Erstarren mit der autistisch anmutenden Vermeidung von Blickkontakt ist in etwa angemessen.

Als dann auch noch der gute Hausherr und oberste Vorgesetzte sein Herz an die holde junge Frau verliert, wird es richtig brenzlig. Pamela fällt regelmäßig in Ohnmacht wenn der reiche, vielleicht etwas forsche “Mister B.” sich im gleichen Raum aufhält, sie versucht zu küssen, oder sich gar in ihrem Kleiderschrank versteckt um sie zu belauschen. Der alte Spanner. Doch schon damals erkennt Mister B. nach guter alter Macho-Art, das das Fallen in Ohnmacht eine Strategie ist um ihn, Mister B., noch weiter zu treiben. Sie will es doch auch!

Tatsächlich entwickelt Pamela romantische Gefühle, auch wenn sie eigentlich nur unter Todesangst in der Lage ist, in einem Raum mit ihm zu sein. Mister B. lässt derweil Pamelas Korrespondenz überwachen, die Lage spitzt sich zu und Pamela möchte arm, doch tugendhaft den Rückzug antreten in ihr Elternhaus zurückkehren. Dieser Plan schlägt jedoch fehl, Mister B. begeht Rufmord und vernichtet die makellose Reputation der fleißigen Briefeschreiberin, indem er ihr eine Affäre andichtet. Mit einem Mann der Kirche. What, what?

Pamela wird als Gefangene auf einen Farm-Zweitsitz des Mister B. versetzt, wo sie unter anderem erfolglos versucht ihren eigenen Suizid zu inszenieren. Eine willkommene Möglichkeit der Flucht bietet sich, doch Pamela lässt sie verstreichen. Weil zwei Kühe sie unentwegt anstarren.

Doch jetzt kommt der Hammer. Nach weiteren dubiosen Annäherungsversuchen von Mister B., in denen er unter anderem versucht, sich als Hausmagd verkleidet (!) in Pamelas Bett zu schleichen, macht er ihr tatsächlich einen Heiratsantrag. Und Pamela nimmt an! Yeah! Happy End! Nun der Roman geht noch etwas weiter. Pamela muss es nun mit wiederhergestellter Tugend schaffen, die sozialen Klassenunterschiede zu überwinden. Und dann wäre da noch dieses Kind von Mister B., von dem niemand weiss, das er aus einer frühen Verführung ihres Gatten stammt. Aber hey, virtue rewarded!

Robinson Crusoe

Nov 01 2010 Published by in Homo ludens,Literatur Ein Kommentar

Robinson Crusoe, Daniel DefoeSo, hier, Robinson Crusoe. Schnell musste ich diese alte Geschichte lesen, die als der erste englische Roman überhaupt gilt. Den ganzen Titel kann man nicht mal mehr twittern: The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe, of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Ment perished but himself. With an Account how he was at last strangely deliver’d by Pyrates.

Nun die Idee, den Großteil der Handlung bereits im Buchtitel zu verraten hat sich dann in der Geschichte des Romans glücklicherweise nicht durchgesetzt. Doch es passiert ja noch viel mehr in diesem vielfach neu erzählten Werk von Daniel Defoe. Der einsame Mann auf der Insel, der sich nach und nach alles selbst baut, was er su zum Überleben braucht, diese Geschichte kennt jeder.

Aber wer erinnert sich noch daran, dass der gute Robinson nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach Schiffsbruch erleidet, dass er deshalb höchstpersönlich einige Zeit als Sklave gefangen gehalten wurde, dass er für einige Jahre  Plantagenbauer in Brasilien wird. Dass er gar nicht ohne jeglichen Proviant auf seiner einsamen Insel landet, sondern in aller Ruhe über zwei Wochen ein komplettes Boot ausräumen kann. Waffen, Proviant, Schießpulver, Klamotten, Werkzeug, das neueste Apple-Produkt, all das ist von Anfang an da. Totale Entmystifizierung.

Überhaupt dieser Robinson, in seinen 28 Jahren auf der Insel denkt er zwar mehrfach daran, dass es doch fein wäre, einmal Konversation betreiben zu können, wie sehr er eine anständige Pfeife schätzen würde, aber nicht einen Gedanken verschwendet er in 28 Jahren an so etwas wie Sex. Das Wort Frau fällt höchstens zweimal im ganzen Roman und sämtliche Romantik beschränkt sich auf einen Absatz. Robinson heiratet und im nächsten Satz stirbt die gute Gattin auch schon wieder.

Stattdessen bemüht er sich redlich, die Kultur der ansässigen Stammesvölker zu zerstören. Nun gut, den praktizierten Kannibalismus muss man nicht wirklich gut finden, aber seinem freundlichen Sklaven “Freitag” zu erklären, das seine Gottheit namens Benamuckee es ja nicht so draufhabe, weil dieser nur zuhört, wenn man sich auf einen bestimmten großen Hügel stellt und laut ruft, während der christliche Gott jedermann immer und überall hören könne, ist keine Glanztat. Doch der gute Freitag fällt innerhalb von zwei Tagen von seinem Glauben ab und wird zum Über-Christen-Sklaven. Und leckere Menschen isst er auch nicht mehr. Brav, Freitag!

Doch die Idee des Robinson Crusoe und seiner Geschichte hat die Jahrhunderte überdauert. Schuld ist wohl die Faszination am do-it-yourself, sowie ohne jegliche Annehmlichkeiten und Fesseln der Zivilisation überleben zu können. Der Grund warum es Mac Gyver und all diese Einrichtungssendungen gibt. In zahlreichen Filmen, Romanen, Serien und Comics wurde die Idee aufgegriffen. So auch im Indie-Game des Jahres 2010. Minecraft. Das Spiel ist noch nichtmal fertig, doch haben sich schon über 500.000 Leute die Alpha-Version des Spiels für rund zehn Euro gekauft und den Ein-Mann-Programmierer innerhalb kürzester Zeit zum mehrfachen Millionär gemacht. Auch das ist self-made.

In Minecraft findet man sich in einer 8bit-Welt wieder, die man komplett umgestalten kann. Doch am Anfang hat man nichts. Und zwar wirklich nichts, nicht dieses Robinson Crusoe Weichspüler-Nichts. Man fängt also an mit der bloßen Hand ein paar Bäume zu fällen (womit sonst? man hat ja nichts!) und baut sich so seine ersten Werkzeuge zusammen. Damit zimmert man sich seine erste Behausung, die spätestens vor Anbruch der Nacht stehen sollte, denn dann treiben fiese Skelette, Zombie, Spinnen und seltsam explodierende Penis-ähnliche Monster ihr Unwesen. Das traute Heim wird immer größer, man kann eine Menge Kram mithilfe von geschöpften Rohstoffen erstellen, immer kostbarere Bodenschätze finden und so weiter. Ein wirkliches Spielziel gibt es nicht, (bis jetzt) geht es ums nackte Überleben, ums Bauen von riesigen verrückten Sachen, oder sonstigen selbstgesteckten Zielen, Ideen und Plänen. Ein Spiel, wie gemacht für Freispielregeln.

Und wenn man dann bereits den dritten Minenstollen bohrt und sich Aussichtstürme baut um dort den Sonnenaufgang genießen zu können, und völlig aus dem Häuschen gerät, weil man Bambus entdeckt hat, dann kann man noch ein wenig von dieser Robinson Crusoe Faszination nachspüren. Gerade wurde pünktlich zu Halloween ein neues Update veröffentlicht, die Welt von Minecraft hat jetzt auch eine eigene Hölle, Schweinezombies, eine Angel und vieles mehr. Kannibalismus sparen wir uns aber lieber.