Der digitale Rückzug

Meine Güte, was war das gestern wieder ein Tag bei anmutunddemut. Komme ich nach Hause und der halbe Feedreader ist voll mit Artikeln, die doch eigentlich ich selbst gern geschrieben hätte, aber niemals so hätte schreiben können. Grundsätzlich ging es mir nur darum: Ich benutze seit einer Woche wieder Linux und – wo es geht – freie Software. Hallo Inkonsequenz.
Es liegt nicht daran, dass Linux besser wäre als der Mac oder Windows. Das stimmt nicht. Jedes Betriebssystem hat seine Stärken und Schwächen. Im Grunde sind sie jedoch alle Mist, sagt Ben. Und Recht hat er damit. Bei Windows gibt es Probleme, beim Mac und auch bei Linux. Und das nicht zu knapp.
Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich in einem Kommentar, drüben bei anmutunddemut, meinen Wechsel von Linux zum Mac erklärt. Das sind nach wie vor gute Gründe. Doch nun werde ich doch fundamentalistisch.
Seit es Home-Computer gibt, geht es doch eigentlich immer wieder um die gleichen Probleme, die wir damit lösen wollen. Wir wollen beispielsweise Texte schreiben, uns organisieren, Medien bearbeiten, Spiele spielen. Das war schon alles da, als der C64 noch die Schreibtische beherrschte. Ich hatte jedoch den Amiga 500. Wenn ich mir heute den Mac und iOS angucke, dann muss ich oft an den C64 und den Amiga denken. Der C64 war noch mehr Computer, wenn ich eine Diskette einlegte musste ich erst ein paar Befehle eintippen um das darauf enthaltene Programm starten zu können. Beim Amiga erschien einfach das Bild einer Diskette, die in einer Hand gehalten wurde. Alles klar, Diskette einlegen, der Rest ging von selbst. Es gab nichts, dass ich je beim Amiga 500 hätte konfigurieren müssen. Selbst das Diskettenlaufwerk war schon im Gerät integriert. Schon damals hat man also versucht, die Komplexität zu abstrahieren, eine Black Box zu schaffen. Der C64 war Mac, Amiga 500 war iOS, mit einem Kippschalter als Home-Button.
Als ich mich nach den Amiga-Zeiten zum ersten Mal mit einem PC beschäftigte, war ich äußerst erstaunt über das Maß an Kompliziertheit. Da gab es MS-DOS und Windows 3.1. und manches lief nur unter DOS und anderes nur unter Windows und um das eine oder das andere zum laufen zu kriegen, musste ich regelmäßig autoexec.bat und config.sys Dateien bearbeiten. Und ich ahnte damals schon kaum, was ich da eigentlich tat. Dafür konnte ich mit einem PC vermeintlich viel mehr machen. Ich konnte Dateien erstellen, sie kopieren und verschieben. Ich hatte das Gefühl, ein mächtigeres Werkzeug zu bedienen. Wirklich mehr gemacht habe ich letztlich mit dem PC aber auch nicht als mit dem Amiga.
Ich glaube keine der beiden Systemphilosophien, offene Komplexität, oder einschränkende Einfachheit ist wirklich besser als die andere. Es kommt eher darauf an, wer vor dem Rechner sitzt und wie die technische Herangehensweise an Dinge ist. Was man schon so kennt, zum Beispiel.
Meine Mutter hatte heute zum ersten Mal ein modernes Touchscreen-Device in der Hand, konnte sehr schnell damit umgehen und war begeistert, weil sie das ja alles schon vom Fahrkartenautomaten der Bahn kenne. Sicherlich hätte meine Mutter früher einen Amiga gehabt. Aber auch hier geht es nur um so etwas, wie eine Einstiegshürde, einen Zugang. Nehmen wir an meine Mutter hätte also nun ein iPad, oder einen Fahrkartenautomaten. Früher oder später müsste sie vielleicht ein Projekt aus einer App in einer anderen App öffnen. Auf einmal gibt es so etwas wie eine Datei, oder zumindest das Konzept davon. In diesem Moment hat die Aufgabe, die sie erledigen möchte, einen völlig neuen Grad der Komplexität erreicht. Und ich glaube genau das ist der Knackpunkt: Komplexität. Betriebssysteme, Computer und das Netz können durch geschickte Software und gutes Design weniger kompliziert wirken, der Grad der Komplexität ist dennoch nicht wirklich reduzierbar. Egal ob Wischgeste oder Shell.
Warum nun aber der (erneute) Wechsel zurück zu Linux. Ist ja überall gleich komplex, grundlegende Probleme die Computer vor zehn Jahren nicht gut haben lösen können, können sie auch heute nicht voll zufriedenstellend lösen. Das ist auch der Grund dafür, dass es keine perfekte ToDo-App gibt. Es kann sie nicht geben. Eine ToDo-Liste ist eigentlich ein einfaches Problem, es ist unkompliziert, eine Liste mit zu erledigenden Aufgaben eben. Doch sobald man auch nur ein wenig ins Detail geht wird sie- je nachdem wie viele Features man anbieten möchte – unheimlich komplex oder aber unflexibel. Und bis heute hat es die digitales ToDo-App oder der digitale Kalender nicht vermocht ihre analogen Vorbilder wirklich zu verbessern. Nicht das analoge Kalender und Listen perfekt wären, sie haben natürlich ebenfalls ihre Vor- und Nachteile.
Doch die analogen Listen und Kalender, sie gehören stets mir, ich kann sie immer zerreißen, sie ändern, ich kann mit ihnen machen, was ich will. In meinem Leben in der modernen Dienstleistungsgesellschaft sind sie Teil der wenigen Produktionsmittel, die ich habe. Sie mögen bitte in meiner Hand bleiben.
Der Kampf um dieses Netz und um die Rechner, er ist bereits verloren. Die Anzeichen mehren sich. Das Chromebook, die hochgeladenen Mobiltelefon-Adressbücher, Musik-Streaming, die üblich gewordene Bezahlung mit den eigenen Daten. Auch die nächste Betriebssystemversion von Mac OS “Mountain Lion” zeigt, wohin die Reise geht. Dabei ist es gar kein Mac Os mehr. Das “Mac” wurde aus dem Namen gestrichen. In der neuen Version wird unter anderem eine Infrastruktur implementiert, die eine Option vorsieht, welche nur die Installation von Programmen aus dem eigenen App-Store erlaubt. Aus Sicherheitsgründen. Noch optional.
“Aus dem Spielzeug von Nerds und Geeks ist die Infrastruktur von Konzernen, die Adern und Nerven Bahnen von Staaten geworden. Alles was wir an Verschlechterung für’s Netz fürchten und schon gesehen haben, ist eine unvermeidliche Folge dessen. Die kapitalistische Demokratie ist alternativlos und sie wird das Netz und die Rechner nach ihrem Ebenbild formen.” - anmutunddemut.de
Es ist Zeit für den digitalen Rückzug. Es gilt, die Hoheit über die eigenen Produktionsmittel zu behalten. Und alleine, diese Maxime zu erfüllen wird ein Prozess sein, der mehrere Monate andauern wird. Es zeigt, wie sehr der Kopf schon in der Schlinge ist. Dazu gehört für mich unter anderem:
- Die Zahl der Online-Accounts zu minimieren. Alleine nicht mehr auf den Google-Account angewiesen zu sein, wird ordentlicher Aufwand. Im Grunde möchte ich nur noch den Account meines Hosters behalten.
- Wenn möglich,Dienste selbst zu hosten, sofern ich sie denn überhaupt benötige.
- Eine Aufgabe, die sich ohne nennenswerten Nachteil auch ohne Computer erledigen lässt, einfach offline und analog zu erledigen.
- So weit es möglich ist, freie und quelloffene Software zu verwenden und zu unterstützen.
Der Rückzug kann beginnen. Raus aus der Abhängigkeit, rein in die digitale Mündigkeit.





