Erlebnisrationalität
Letztens, als ich über den Roman “Schimmernder Dunst über Coby County” schrieb, verknüpfte ich die literarische Utopie mit dem soziologischen Konzept der Individualisierung. Bei näherer Beschäftigung mit diesem Begriff bin ich nun auf einen weiteren gestoßen: Den der sogenannten Erlebnisgesellschaft. Ein Konstrukt, das in erster Linie von Gerhard Schulze geprägt wurde.
Die Erlebnisgesellschaft geht Hand in Hand mit der beschriebenen Individualisierung und dem damit verbundenen Druck, zu wählen und sich entscheiden zu müssen. Die Handlungsspielräume wurden in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg entschieden vergrößert. Dieses Phänomen nennt Schulze “Entgrenzung”. Wir können aus einen immer größer werdenden Katalog immer mehr Optionen auswählen, die in immer diversifizierteren Konfigurationen kombiniert werden können. Je nach Milieu und Sozialisation sind diese Konfigurationen unterschiedlich. Die akademische Juristin mit Hund hat eine andere als der männliche Hotelfachangestellte mit Balkon. Doch der Modus ist Milieu-übergreifend der gleiche, er wird auch als Erlebnisrationalität bezeichnet. Die Ziele und die Richtung des eigenen Lebens ist nun Sache des Subjekts, sie sind nicht weiter extern vorgegebene Normen, die das Individuum auf ein vorgefertigtes Gleis setzen. Dabei wird zwischen Außen- und Innenorientierung unterschieden. Schulze liefert dazu folgendes Beispiel:
“Ob das Auto fährt (außenverankertes Ziel), können alle beurteilen; ob man dabei ein schönes Fahrgefühl hat (innenverankertes Ziel), muß jeder für sich entscheiden.”
Auch für die Erlebnisrationalität ist die Wohlstandsgesellschaft also eine Voraussetzung. Erst wenn es wirtschaftlicher Standard ist, ein Auto zu besitzen, erst wenn eine gewisse Diversifikation auf dem Automobil-Markt aufgetreten ist, kann ich eine erlebnisrationale Konsum- und Fahrentscheidung treffen.
In Coby County ist man schon wieder einen Schritt weiter. Die außenverankerten Impulse und Ziele sind hier nur noch sehr schwach. Alles unterliegt den übermächtigen innenverankerten Impulsen. Das ganze Leben ist ein Supermarkt aus dem man sich die passenden Gratifikationen heraussuchen kann um seine Biographie den eigenen Wünschen und Vorstellungen entsprechend anzupassen. Interessanterweise sind die Innenwelten dabei äußerst unspektakulär geworden. Als wären sie durch einen Kompressor geschickt worden. Keine Extreme, keine Spitzen, keine Ausschläge. Jegliche Impulse von außen werden so aufgefangen, egal ob positive oder negative. Sie können nicht einschlagen.
Ich denke, dass es darum geht keine Angst haben zu müssen. Angst, bzw. die Angst vor der Angst ist möglicherweise die größte Herausforderung einer Wohlstandsgesellschaft. Wenn wir von einer subjektiven Erlebnisrationalität ausgehen, so ist sie in Coby County darauf eingenordet, möglichst keiner ernsthaften Gefahr ausgesetzt zu sein, keine Angst haben zu müssen, immer im sicheren Bereich zu sein. Sie zahlen dafür einen hohen Preis und nehmen einen glattgebügelten Erlebnishaushalt ohne echte Erfahrungen in Kauf. Ich denke es lohnt sich, keine Angst vor der Angst zu haben. Kann man das lernen?
Als ich das Buch las war ich zunächst etwas enttäuscht. Die nahende Katastrophe wird ständig angedeutet, doch sie will einfach nicht passieren. Eine Dystopie, die nicht kippt.
