Jährlich findet zwischen Weihnachten und Silvester der CCC statt, der [[wiki:Chaos Communication Congress]]: Ein großes, internationales Hacker-Treffen, welches vom [[wiki:Chaos Computer Club]] (auch CCC) veranstaltet wird. Auf dem Kongress gibt es natürlich viele Vorträge und Workshops über Computertechnologie, insbesondere IT-Sicherheit. Zum Beispiel, warum EC-Karten nicht wirklich sicher sind, wie man seine PlayStation 3 hackt, was man mit dem Handy-Baseband so alles anstellen kann. So werden auf dem Kongress jedes Mal beunruhigende Sicherheitslücken in Computersystemen und im Netz offen gelegt und auf diese hingewiesen, damit sie geschlossen werden können.
Was hat das ganze nun mir klassischer Musik zu tun? Normalerweise sieht man auf dem Hacker-Getümmel ja vor allem Computerheinis (wie meine Großmutter sagen würde) und ihre Ansammlungen and Rechnern und sonstiger Gadgets, sowohl auf – als auch vor den Vortragsbühnen. Es gab allerdings einen Vortrag, der sich von allen Anderen absetzte und der von vielen Besuchern des Kongresses als ein Highlight, wenn nicht sogar DAS Highlight beschrieben wurde.
Ein Künstlerduo betritt die Bühne. Julien Quentin setzt sich an einen Steinway-Flüge, Corey Cerovsek packt eine waschechte Stradivari-Geige aus. “Begleitet” werden die Beiden von Alex Antener, der eine Slide-Show steuert auf der ein fiktiver Chat-Log abläuft. Das Trio hat eine Botschaft. Es geht um das Urheberrecht und wie glücklich sich Musiker sich schätzen können, die klassische Musik spielen: In der Regel sind alle Noten, all die schönen Werke, die man so im klassischen Kanon spielen möchte, inzwischen frei von Lizenzen. Das ist praktisch, denn so kann jeder klassische Musik aufführen ohne erst Lizenzgebühren zahlen zu müssen. Mit heutiger Musik ist das nicht so einfach. Die Musiklabels versuchen Musik so lange wie möglich zu lizensieren. Natürlich sollen Künstler durch ihre Kunst exklusiv Geld verdienen können. Aber wie sehr wird damit der Austausch in der Kunst, das Kulturwesen behindert? Und wie lange muss so eine Lizenz wirklich gelten? 20 Jahre, 50 Jahre, 100 Jahre, ewig? Und ist es nicht vielleicht nötig, über neue Formen des Urheberrechts nachzudenken, die das Teilen, das Remixen und eingeschränkte Nutzung zulässt, ohne das die Urheberschaft völlig aufgegeben werden muss. Was nicht nur für die Kunst, sondern auch für Software-Patente und Technologie sehr sinnvoll sein kann. [[wiki:Creative Commons]] ist eine solcher Versuch, auf den die Musiker verweisen.
Es gibt ein Video des Vortrags. Zwar kann es die eigentliche Atmosphäre nur unzulänglich wiedergeben, aber auch in der Aufzeichnung merkt man, das hier etwas besonderes passiert. Ein ganzer Saal voller Computernerds lauscht andächtig den Klängen von Johannes Brahms. Auf den Folien steht irgendwann, dass man jetzt einfach nur noch spiele und zuhören möge. Die Kreutzer Sonate von Beethoven. Am Ende gibt es Standing Ovations, die Zuschauer sind offensichtlich begeistert. Von der Idee, vom Konzept, doch vor allem einfach durch die Musik.
Daraufhin treten die drei Künstler an die Mikrofone und erklären triumphierend: “You have been hacked!” Recht haben sie. Ein schönes Beispiel für die Kraft von klassischer Musik. Hochmorderne Techinik-Profis infiziert von Tönen und einer Geige, die hunderte von Jahren alt sind. Analog und digital. Das gesamte Konzert und die anschließende kurze Interviewrunde kann man sich in ganzer Länge hier ansehen/runterladen, hier geht es zur Projektseite.